Quelle: Plattform Nachhaltig Wirtschaften Rubrik:  Publikationen Datum:  14.03.2006


 

Pietra Rivoli, Reisebericht eines T-Shirts

Ein Alltagsprodukt erklärt die Weltwirtschaft

1999 beobachtete die Wirtschaftswissenschaftlerin Pietra Rivoli eine Demonstration engagierter Studenten, die sich gegen die Macht internationaler Konzerne und ihre vermeintlich ausbeuterischen Praktiken richtete. Eine der der anklagenden Fragen lautete: "Weißt du, wer dein T-Shirt gemacht hat?". Die Antwort auf diese rhetorische Frage lautet natürlich "Nein", der Subtext: "Irgendeine ausgebeutete Arbeiterin in der 3.Welt wird es unter unsäglichen Bedingungen gefertigt haben."

Die Frage bewegte die Autorin weiter und sie entschloss sich die Probe aufs Exempel zu machen: Für bescheidende 5,99 $ wurde in Fort Lauderdale ein T-Shirt gekauft, dessen Weg zurückverfolgt werden sollte. Ab hier wird der Leser auf eine Reise mitgenommen, die informativer und interessanter, aber auch schwieriger und hürdenreicher als manche Abenteuerreise ist und eine Fülle völlig unerwarteter Erkenntnisse bringt.

Die erste Auskunft gab das eingenähte Schild: Sherry Manufacturing / Made in China. Sherry Manufacturing war schnell gefunden. Die Firma bedruckt und vertreibt T-Shirts, die sie u.a. aus China von ihrem Lieferanten Shanghai Knitwears bezieht. Woher aber kam die Baumwolle für das Shirt? Während die Autorin sich im Geiste schon in entlegenen Gegenden Baumwollfelder durchstreifen sah, ergab sich die erste Überraschung: Die Baumwolle kam keineswegs von weit her, sondern wurde erzeugt in - Texas.

Erstaunlicherweise sind die U.S.A. auch heute noch der größte Baumwollproduzent der Welt - eine Position, die sie bereits vor 200 erreichte. Am Beginn wurde der Baumwollanbau durch das unmenschliche System der Sklavenwirtschaft gefördert, heute ist es der enorme wissenschaftlich-technische Fortschritt, der im Zusammenspiel mit stabilen politischen Verhältnissen, professioneller Vermarktung und guter Kapitalausstattung für einen drückenden Vorsprung der amerikanischen Farmer auf dem Weltmarkt sorgt.

Hinzu kommen hohe Subventionen. Fielen diese weg, würden die Erzeugnisse anderer Regionen sicherlich bessere Chancen auf dem Weltmarkt haben, ablösen könnten sie die Dominanz der US-Farmer nach Überzeugung der Autorin aber wohl auf absehbare Zeit nicht, denn es fehlen die politischen (Stabilität), wirtschaftlichen (Kapital) und wissenschaftlichen (Alphabetisierung, Know-How) Voraussetzungen, um auf dem Weltmarkt erfolgreich zu sein.

Auf nach China
Vermarktungsgenossenschaften verkaufen die Rohwolle weiter. Ein Großteil geht nach China, dort wird das Garn erzeugt, zu Stoff verarbeitet und schließlich in der Firma Shanghai Knitwear zugeschnitten. Dies geschieht in billiger Handarbeit, nach westlichen Maßstäben zu Dumpinglöhnen. Offenbar ziehen aber viele Chinesen die harte Arbeit in den Fabriken der noch härteren Arbeit auf dem Land vor. Der oftmals zitierte Vergleich mit der frühen Industrialisierung der westlichen Welt geht zudem in die Irre, denn Arbeitsbedingungen und Bezahlung in den chinesischen Billigfabriken sind ungleich besser als damals. Dies ist nicht zuletzt ein Verdienst der Aktivisten in westlichen Ländern, die durch Anprangerung und Boykottaufrufe erreicht haben, dass die großen Konzerne auf Verbesserungen der Arbeitsbedingungen bei ihren Zulieferern drängen. Nicht zuletzt sind die Arbeitsplätze ein erster wichtiger Schritt zur Emanzipation der Frauen, die sich so aus den traditionellen Abhängigkeitsverhältnissen in den Familien lösen können.

Back in the USA
Nun ist das T-Shirt fertig und soll zurück - und es beginnt kafakaeskes Getümmel mit Lobbyarbeit und politischen Einflussnahmen in Form von Einfuhrzöllen, Quotensystemen und wechselnden internationalen Abkommen - mit der Folge weltweiter Verschiebung von Produktionskapazitäten und teilweise verblüffenden und völlig ungewollten Ergebnissen. Das Ringen hinter den Kulissen schildert die Autorin kenntnisreich und mit der nötigen Portion (Galgen)humor.

Letzte Station: Second Hand Markt
Nachdem das T-Shirt gegen alle Widerstände in den USA verkauft und getragen wurde, hat es häufig noch ein zweites Leben, vornehmlich auf den Märkten Afrikas. Und das Überraschende: Hier gelten endlich die Gesetze des Marktes. Frei von Einflussnahmen jeglicher Art wird der Preis von Angebot und Nachfrage bestimmt.

Hier ist das Ende der Reise erreicht - einer Reise, die den gesamten Erdball umspannt. Pietra Rivoli schildert sie lehrreich, amüsant und lesenswert. Wirtschaft zeigt sich hier nicht als das idealtypische freie Spiel des Marktes, sondern als ein Geschehen mit vielfältigen Einflüssen. Die Autorin hat dieses komplexe Geflecht anhand eines alltäglich anmutenden Beispiels anschaulich und lesenswert dargestellt.
Mathias Prange


Pietra Rivoli
Reisebericht eines T-Shirts
Ein Alltagsprodukt erklärt die Weltwirtschaft
Econ - Broschiert - 288 S. - 16,- Euro
ISBN: 3-430-17765-0|Bei Amazon versandkostenfrei bestellen.  



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