Dr. Höller Vermögensverwaltung - "Wir maßen uns nicht an, die Ethik gepachtet zu haben"Im Interview: Rainer Unterstaller Rainer Unterstaller, 42, Geschäftsführer Dr. Höller Vermögensverwaltung und Anlageberatung AG, sprach mit FORUM Nachhaltig Wirtschaften über Ethik-Fonds, Ausschlusskriterien und neue Werte im Kapitalmarkt.
Warum trennen Sie die Aspekte Ethik und Nachhaltigkeit? In der Finanzwelt ist die Abgrenzung der beiden Begriffe oft etwas diffus. Dr. Höller hat bereits 1995 den ersten kontinentaleuropäischen Ethik-Fonds aufgelegt. Das Wort Ethik sollte man vorsichtig verwenden. Als Fondsmanager maßen wir uns nicht an, die Ethik "gepachtet" zu haben, sondern haben uns vom unabhängigen PRIME VALUES Ethik-Komitee in Zusammenarbeit mit unserem Investment-Ethics-Research-Partner INVERA Richtlinien erstellen lassen. Wir konzentrieren uns auf das Portfoliomanagement. Der Fondsmanager sucht interessante Titel aus und INVERA überprüft in einem rein auf Ethik ausgerichteten Research den Aktien- oder Rententitel auf sein ethisches Profil. Nach dem Research wird das Anlageobjekt einem unabhängigen Ethik-Komitee vorgelegt - das weder uns noch INVERA unterliegt, sondern als Abbild der Gesellschaft fungieren soll. Der Ethikrat entscheidet nach Negativkriterien, also Ausschlusskriterien für die Anlage, sowie nach Positivkriterien. Aufgrund dieser Kriterien diskutiert das Ethik-Komitee, ob der Titel für die Aufnahme ins Anlageuniversum in Frage kommt. Der Titel wird auf dieser Stufe also rein nach ethischen Gesichtspunkten bewertet. Bis jetzt kommen wir auf über 350 Titel - Aktien wie Rentenpapiere. Jeden Monat werden neue attraktive Titel gescreent und erst dann wird seitens des Fondsmanagers über die Aufnahme ins Portfolio entschieden. Die Ethikbewertung wird laufend überwacht und spätestens alle zwei Jahre erneuert. Der Schlüsselerfolg von guten Assetmanagern ist es, die Opportunität der Anlagen zu sehen. Vergeht zwischen Analyseauftrag und Ethik-Entscheid nicht zu viel Zeit? Wichtig ist vor allem die richtige Strategie und Diversifikation. Ein nur auf Trading orientiertes Portfolio-Management wäre für unseren Fonds nicht seriös. Falls ein Titel aus finanztechnischen Gründen dringend gekauft werden soll, können wir aufgrund eines Ethical-Quick-Checks eine Vorabklärung lancieren und den Titel gegebenenfalls kaufen. Später wird dann im Ethik-Komitee definitiv darüber entschieden. Im Nachhaltigkeitsbereich hört man oft, dass Toyota in der Automobilbranche Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit ist. Der Anteil der Hybridwagen liegt jedoch noch bei unter 10 Prozent. Wie bewerten Sie dieses Thema? Toyota erscheint mir persönlich in diesem Umfeld sehr innovativ, weshalb ich diese Unternehmung gerne in unserem Portfolio sehen würde. Das PRIME VALUES Ethik-Komitee hat bei Toyota die Pionierrolle im Hybridmotoren-Bereich honoriert und den Titel jetzt neu für die Fonds zugelassen. Toyota hat hier die anderen Automobilbauer unter Zugzwang gebracht und so einen wichtigen Anstoß in Richtung nachhaltige Entwicklung gegeben. Dennoch bedauerte das Komitee, dass auch bei diesem Hersteller die Mehrheit der Fahrzeuge zu viel CO2 emittiert. Wie wäre das dann bei VW? Da steckt doch Porsche mit drin. Die Tochter haftet nicht für die Mutter, aber umgekehrt gilt dies durchaus. Gerade bei Firmenbeteiligungen achten wir genau auf deren Engagements. Bei VW ist das Engagement im Bereich der umweltverträglichen Motoren momentan noch deutlich geringer als bei Toyota. Da hier bislang keine bedeutende proaktive Rolle festgestellt wurde, ist VW nicht im investierbaren PRIME VALUES-Universum. "Wir sind Pionier in Sachen Ethik-Fonds" Welche Benchmark setzen Sie in Bezug auf ethisches Investment? Wir sind sicherlich Pionier in Sachen Ethik-Fonds und zeichnen uns außerdem dadurch aus, dass wir einen unabhängigen Beirat haben. Unser mehrstufiger Ansatz schließt viel Subjektivität in Bezug auf den in Frage kommenden Titel aus. Wir sind dennoch bemüht, den Kontakt zu externen Spezialisten zu suchen und uns laufend zu verbessern. Gut, aber die großen institutionellen Anleger werden vielleicht 2 bis 3 Prozent SRI zeichnen. Besteht da nicht die Gefahr, dass ethisches Investment ein Nischenprodukt bleibt? Viele institutionelle Investoren haben sich in den letzten Jahren vermehrt mit SRI-Produkten auseinandergesetzt. Da bei dieser Kundschaft oft langfristig geplant wird, sind ethische Investments genau das Richtige, da hier die nachhaltig agierenden Unternehmen mit einer "gesunden" Zukunftsperspektive im Fokus stehen. Zudem wird oft vernachlässigt, dass auch Pfandbriefe und Bonds ethisch bewertet werden sollten, wie Sie unseren Produktkatalogen entnehmen können. Dadurch können wir in dieser Produktgruppe auch konservative Anleger mit geringerer Risikoneigung überzeugen Unter welchen Umständen wird ein Titel wieder aus dem Universum ausgeschlossen? Immer dann, wenn der Ethikbeirat ein Veto einlegt. In diesem Fall hat der Fondsmanager ein halbes Jahr Zeit, um den Titel aus dem Universum zu nehmen. Was wäre mit Siemens in Bezug auf die jüngsten Korruptionsskandale? Siemens wurde bereits im Vorhinein aufgrund ihrer Energie-Sparte aus Öl und Gas ausgeschlossen, welche zu über 20 Prozent des Konzernumsatzes beiträgt. Die aktuellen Korruptionsfälle und deren Lösung würden selbstverständlich auch mit in die Bewertung einfließen. "Atomkraft ist als Ausschlusskriterium definiert" Und wie sieht es mit Staatspapieren der Schweiz aus? Schließlich soll ein Atomkraftwerk gebaut werden. Wenn dies geschieht, wird sich das Ethik-Komitee bestimmt mit dieser Frage auseinandersetzen. Kürzlich ist Finnland als Emittent von Anleihen ausgeschlossen worden, weil sich das Land für den Neubau eines Atomkraftwerkes entschieden hat und Atomkraft als Ausschlusskriterium definiert wurde. Was eigentlich schade ist, denn ansonsten sind die Finnen eher Musterknaben. Sie haben beispielsweise ein gut funktionierendes Sozialsystem und ein Wehretat von weniger als 3 Prozent des BIP. Das war eine schwere Entscheidung, auch für unser Ethik-Komitee. Die allgemein wahrgenommene Einstellungsänderung zeigt, dass durch den Klimawandel und technischen Fortschritt die Risikoabschätzung relativiert wird. Unser Komitee wird hier am Ball bleiben. Wie regelmäßig tagt das Gremium? Es gibt zehn Telefonkonferenzen im Jahr und wir treffen uns zweimal jährlich in Zürich oder Wien. Die erste Generation an SRI-Produkten habe laut Auskunft anderer Banker schlecht performt. Deswegen seien Berater und Stiftungsvorstände als gebrannte Kinder eher vorsichtig. Wie sehen Sie das? Wir haben 2007 für unseren ersten Ethik-Mischfonds den Lipper Award für die beste Performance über zehn Jahre hinweg im Bereich defensive Mischfonds erhalten. Es gibt durchaus auch Unternehmen, in denen die Mitarbeiter eine nachhaltige Pensionskasse verlangen. Wenn die jetzt "nur" 3 Prozent ethisch investieren und sich das verdoppelt oder vervierfacht, ergibt das ein riesiges Potential. "Das Umdenken fängt an, wenn der Bürger zu wenig im Portemonnaie hat" Dennoch: wird SRI ein Nischenprodukt bleiben oder eignet es sich für den Massenmarkt? Die großen Player am Markt würden ja nicht einsteigen, wenn sie keine Performance erwarten würden. Das Umdenken fängt an, wenn der Bürger zu wenig im Portemonnaie hat. Wir bemerken einen breiten gesellschaftlichen Konsens, weg von schnellem kurzfristigen Profitdenken zu alten Werten wie Verlässlichkeit, Anstand und Glaubwürdigkeit. Das spiegelt sich auch im Kapitalmarkt wider. Ist der Startzeitpunkt für SRI jetzt schon richtig? Schließlich schrecken einige Bankberater vor der Komplexität des Themas zurück. Der Berater wird aktiv werden, wenn die Verkaufsanweisung von oben kommt. Wenn der Berater allerdings dem Kunden heute schon die herkömmlichen und die nachhaltigen Fonds nebeneinander vorstellt und beide gleich performen, dann dürfte die Anlageentscheidung auf der Hand liegen. Ist "nachhaltig investiert" nicht automatisch auch "ethisch investiert"? Nehmen Sie beispielsweise unseren Index S-Box Pure Water. Hier selektieren wir innovative Wasser-Firmen mit hohen Margen und Technologien mit hohem gesellschaftlichem Wert. Hier wird nicht in Wasserverkauf oder -gewinnung investiert, sondern in Wasserreinigung und -management. Das ist nachhaltig, muss aber nicht zwingend mit einer vollständig ethischen Geschäftsführung einhergehen. Die Transparenz der Anlagen ist noch nicht gegeben, weil viele der Anbieter Pioniere und Start-up-Unternehmungen sind, die oftmals noch eher dünne SRI-Reports haben. Unsere Aufgabe als Vermögensverwaltung in Sachen Nachhaltigkeit ist es, dort zu investieren, wo Gewinn und Nachhaltigkeit Hand in Hand gehen. Die Kunst besteht darin, Bestandstitel mit langfristigem Potenzial zu selektieren beziehungsweise solche Firmen auszuschließen, die eventuell zu klein sind und vielleicht schon in einigen Jahren von der Bildfläche verschwunden sein werden. Ein Investment in die Wasserreinigung in Khartum oder SolarWorld in China ist nach Ihren Kriterien also nachhaltig, aber nicht ethisch? Das würde ich nicht direkt so implizieren. Unternehmen, die in solchen Ländern arbeiten, sind gegenüber Menschenrechtsverletzungen und umweltschädlichen Praktiken viel stärker exponiert. Firmen mit einem etablierten Ethik-Kodex können in solchen Ländern jedoch auch einen positiven Beitrag leisten und aufzeigen, wie man es besser machen kann. Überall tauchen gerade Indizes zum Thema Nachhaltigkeit auf. Glauben Sie nicht, dass bei der Indexflut ein Kriterienkatalog für Transparenz bei den Kunden sorgen müsste? Ja und nein, diesen Rahmen müsste es dann ja auch für die Neuauflage von Fonds geben. Dazu müsste zudem die Finanzmarktaufsicht die entsprechende Expertise besitzen. Warum nicht auch ein Nachhaltigkeitsrat analog zum Ethikrat? Das muten wir uns nicht zu. Unser Index ist transparent strukturiert. Die neuen Technologien ändern sich so schnell, dass ein kleines Expertengremium damit überfordert wäre. www.hoeller.ch
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